Der Geschirrspüler und das Leben

„Ich habe es ihr schon hundertmal gesagt.“

Dieser Satz fällt in Familien erstaunlich oft.

Der Geschirrspüler ist ausgeräumt – oder eben nicht. Die Wäsche liegt noch herum. Das Zimmer sieht aus, als hätte ein kleiner Wirbelsturm darin gewohnt. Und die Vereinbarung, die gestern noch ganz klar war, scheint heute vergessen.

„Du wolltest doch den Geschirrspüler ausräumen!“

„Hab ich vergessen.“

Und schon ist sie da: die Empörung.

Nicht unbedingt wegen des Geschirrspülers.

Sondern wegen all dessen, was wir Erwachsenen sofort dahinter sehen.

Wenn sie das jetzt schon nicht schafft, wie soll sie später einmal selbstständig sein? Wie soll sie Verantwortung übernehmen? Wie soll das Leben funktionieren, wenn niemand hinter ihr steht?

Und so wird aus einem nicht ausgeräumten Geschirrspüler plötzlich eine Frage über die Zukunft des Kindes.

Vielleicht ist es aber zunächst einmal nur ein nicht ausgeräumter Geschirrspüler.

Das heißt nicht, dass wir alles laufen lassen müssen.

Im Gegenteil.

Kinder und Jugendliche dürfen erleben, dass Vereinbarungen gelten. Dass ihr Beitrag gebraucht wird. Dass gemeinsames Leben nicht bedeutet: Einer macht alles und die anderen leben darin.

Aber es macht einen Unterschied, wie wir darauf reagieren.

Zwischen

„Immer muss ich dir alles hinterhertragen! Wenn du so weitermachst, wirst du nie lernen, Verantwortung zu übernehmen!“

und

„Der Geschirrspüler ist noch nicht ausgeräumt. Das war deine Aufgabe.“

liegt eine ganze Welt.

In der ersten Variante steckt Angst.

In der zweiten Klarheit.

Und vielleicht auch etwas sehr Wichtiges:

Du gehörst dazu. Wir brauchen deinen Beitrag.

Denn eine Familie ist kein Hotel.

Sie ist ein kleines Team.

Jede und jeder trägt etwas bei – nicht, weil man sonst ein guter oder schlechter Mensch ist, sondern weil gemeinsames Leben gemeinsames Tun bedeutet.

Und manchmal vergessen Menschen ihren Beitrag.

Auch Erwachsene.

Wir stehen vor dem Geschirrspüler, sehen ihn seit drei Stunden und denken trotzdem nicht daran, ihn auszuräumen.

Wir vergessen einen Anruf. Einen Termin. Eine Rechnung.

Das Leben besteht nicht aus perfekt funktionierenden Menschen.

Es besteht aus Menschen, die immer wieder merken:

Ah. Da war noch etwas.

Also vielleicht:

„Du hast es vergessen. Dann mach es jetzt.“

Ohne Vortrag.

Ohne Charakteranalyse.

Ohne Blick in die Zukunft.

Und wenn es immer wieder passiert?

Dann darf es Konsequenzen geben.

Nicht als Strafe, sondern als natürliche Folge.

Vielleicht wartet das Geschirr auf sie. Vielleicht muss eine Vereinbarung neu getroffen werden. Vielleicht braucht es mehr Klarheit darüber, wer was übernimmt.

Aber wir müssen aus einem Geschirrspüler keinen Erziehungsnotstand machen.

Denn manchmal ist unsere Reaktion viel größer als das Ereignis.

Wir sehen nicht mehr das, was gerade passiert.

Wir sehen das, wovor wir Angst haben.

Und genau da beginnt die eigentliche Arbeit vielleicht bei uns selbst:

Kann ich diesen Moment aushalten, ohne sofort eingreifen zu müssen?

Kann ich darauf vertrauen, dass mein Kind seinen eigenen Weg findet?

Kann ich klar sein, ohne Druck zu machen?

Kann ich Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört?

Und kann ich mich daran erinnern:

Das Leben lebt sich.

Nicht alles muss von mir kontrolliert, abgesichert und richtig gemacht werden.

Auch mein Kind lebt sein Leben.

Ich kann begleiten. Ich kann Grenzen setzen. Ich kann sagen, was mir wichtig ist.

Aber ich kann nicht für mein Kind leben.

Vielleicht ist das eine der schwierigsten Aufgaben des Elternseins:

Nicht weniger zu lieben.

Sondern weniger zu kontrollieren.

Und manchmal einfach vor dem Geschirrspüler zu stehen und zu denken:

Na gut.

Dann wird er eben jetzt ausgeräumt.

Das Leben lebt sich.

Der Geschirrspueler und das Leben