Ein Ausweg aus Ohnmacht, Ablehnung und dem inneren Teufelskreis
„Bei uns fliegen die Fetzen.“
Dieser Satz fällt selten leicht. Er ist kein Vorwurf – er ist ein Hilferuf.
Kathrin sitzt vor mir, erschöpft. Ihr neunjähriger Sohn Nils ist ängstlich. Er traut sich nicht allein ins Stiegenhaus. Gleichzeitig ist er aggressiv – vor allem ihr gegenüber. Er schreit, beschimpft sie, provoziert.
Und Kathrin?
Sie schwankt zwischen Wut, Schuld und Scham.
- „Ich halte das nicht mehr aus.“
- „Was habe ich falsch gemacht?“
- „Andere Familien schaffen das doch auch.“
- „Wenn er jetzt schon so ist – wie soll das erst später werden?“
Und dann der Gedanke, für den sie sich am meisten schämt:
„Manchmal will ich ihn einfach nur weghaben.“
Der Moment, in dem alles kippt
Der entscheidende Augenblick ist nicht, wenn Nils schreit.
Nicht, wenn er sich weigert.
Nicht einmal seine Angst.
Der Moment, in dem alles kippt, ist dieser innere Satz:
„So darf er nicht sein.“
In diesem Augenblick lehnt Kathrin nicht nur ihren Sohn ab.
Sie lehnt auch sich selbst ab.
- „So darf ich nicht reagieren.“
- „Ich bin keine gute Mutter.“
- „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Die Verbindung reißt ab –
zu sich selbst und zu ihm.
Und ein Kreislauf beginnt:
- Nils zeigt Angst oder Aggression.
- Kathrin fühlt Ohnmacht.
- Sie glaubt: „Das halte ich nicht aus.“
- Sie lehnt sein Verhalten ab.
- Gleichzeitig lehnt sie ihre eigenen Gefühle ab.
- Schuld und Scham übernehmen.
- Der Gedanke entsteht: „Er muss sich ändern.“
Je weniger sie ihre Gefühle tragen kann,
desto stärker klammert sie sich an die Idee,
dass Nils anders werden muss.
Der eigentliche Fokus
In unserer Sitzung ging es nicht zuerst um Erziehungstechniken.
Es ging um etwas viel Wesentlicheres:
Fokus weg von Nils – hin zu dem, was in Kathrin geschieht.
Denn was sie im Eskalationsmoment überwältigt,
ist nicht ihr Sohn.
Es ist der innere Sturm.
Ein praktisches Beispiel
Nils steht an der Wohnungstür.
Er soll den Müll hinunterbringen.
Er weigert sich, seine Stimme wird laut.
In Kathrin passiert sofort etwas:
- Enge in der Brust
- Hitze im Bauch
- Gedanken wie: „Mit neun! Das ist doch nicht normal.“
- Die Angst: „Ich bekomme das nicht hin.“
Der gewohnte Ablauf:
„Jetzt reiß dich zusammen!“
Nils schreit zurück.
Beide sind im Kampf.
Der neue Weg beginnt einen Moment früher.
Kathrin hält innerlich inne.
„Da ist Ohnmacht.“
„Da ist Wut.“
„Da ist die Angst zu versagen.“
„Ich glaube gerade, ich kann das nicht aushalten.“
Und hier liegt der Wendepunkt:
Gefühle sind intensiv.
Aber sie sind nicht gefährlich.
Was sie unerträglich macht, ist der Widerstand dagegen.
Wenn Kathrin aufhört, gegen ihre Gefühle zu kämpfen,
muss sie nicht mehr gegen ihr Kind kämpfen.
Verbindung entsteht innen
Wenn sie sich selbst wieder spürt, verändert sich ihre Haltung.
Vielleicht sagt sie dann ruhiger:
„Du hast Angst, oder?“
Das bedeutet nicht, dass alles einfach durchgeht.
Es bedeutet nicht, dass sie alles hinnimmt.
Aber ihre Klarheit kommt nicht mehr aus Panik,
sondern aus innerer Stabilität.
Sie kann sagen:
„Mit oder ohne Angst, der Müll muss runter.
Kannst du dich bereit machen?“
Ruhig. Fest. Ohne inneres Wegbrechen.
Diese Haltung fühlt sich völlig anders an als ein Angriff oder ein verzweifeltes Nachgeben.
Die große Illusion
„Wenn er anders wäre, ginge es mir gut.“
Dieser Gedanke hält den Kreislauf am Leben.
Denn selbst wenn Nils sich sofort verändern würde,
blieben Kathrins innerer Druck, ihr Perfektionsanspruch, ihr Vergleich mit anderen.
Das Außen ist nicht die Wurzel.
Die Wurzel ist die Beziehung zu den eigenen Emotionen.
Ein kleiner Schritt im Akutfall
Wenn bei euch die Fetzen fliegen:
- Stopp – nur innerlich.
- Spüre deinen Körper.
- Benenne das Gefühl.
- Sage dir:
„Ich glaube gerade, ich halte das nicht aus.“ - Und dann:
„Und ich bin trotzdem noch hier.“
Dieser eine Moment verändert die Richtung.
Nicht perfekt.
Aber spürbar.
Der Ausstieg
Der Kreislauf endet nicht, wenn Nils mutiger wird.
Er endet, wenn Kathrin erkennt:
- Meine Gefühle sind da – und ich darf sie fühlen, ihnen Raum geben und loslassen.
- Ich muss sie nicht sofort wegmachen.
- Ich bleibe handlungsfähig, auch wenn es in mir stürmt.
In dem Moment, in dem sie ihren Sohn ablehnt,
verliert sie sich selbst.
In dem Moment, in dem sie sich selbst wieder annimmt,
muss sie ihn nicht mehr bekämpfen.
Und vielleicht beginnt Frieden genau dort:
Nicht wenn das Kind sich verändert.
Sondern wenn wir lernen, das auszuhalten,
was in uns selbst lebendig ist.