Der Kampf mit uns selbst.
Vor einiger Zeit beobachtete ich auf einem Spielplatz zwei Kinder.
Ein Bub rannte los, streifte einen jüngeren, dieser fiel hin und begann zu weinen.
Der Bub blieb wie angewurzelt stehen.
Er schaute erschrocken, nicht trotzig, nicht gleichgültig, einfach erschrocken.
Sein Vater kam dazu und sagte sofort: „Jetzt musst du dich entschuldigen!“
(Wahrscheinlich war ihm die Situation selbst unangenehm.)
Der Bub nickte.
„Entschuldigung.“
Damit war die Situation erledigt.
Oder vielleicht auch nicht.
Denn ich fragte mich:
Was hat dieser junge Mensch gerade gelernt?
Dass er Schuld hat?
Oder dass sein Verhalten Auswirkungen auf andere Menschen hat, mit denen er selbst nicht gerechnet hat? Auswirkungen, die ihn erschrecken?
Schuld schaut zurück.
Gesehen sein und verstanden werden in der aktuellen Situation löst die Verwirrung und ermöglicht lernen.
Schuld fragt:
Wer ist schuld?
Lernen fragt:
Was kann ich daraus mitnehmen?
Schuld macht klein.
Lernen macht weit.
Stell dir vor …
Du gießt versehentlich Rotwein auf den weißen Teppich deiner Freundin.
Du könntest zehnmal sagen:
„Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung …“
Der Fleck verschwindet deshalb trotzdem nicht.
Vielleicht ist es hilfreicher, den Schreck auf beiden Seiten zuzulassen während du ein Tuch holst, um den Fleck zu beseitigen. Du kannst deine Freundin fragen, ob du den Teppich in die Putzerei bringen sollst, oder ob du sie als Entschädigung zum Essen oder ins Kino einladen kannst.
Das Leben interessiert sich erstaunlich wenig dafür, wer schuld ist.
Es interessiert sich viel mehr dafür, was jetzt möglich ist.
Vielleicht tragen wir einen alten Rucksack
Viele von uns sind mit dem Gedanken groß geworden:
Wenn etwas schiefgeht, muss jemand schuld sein.
Die Lehrer.
Die Eltern.
Der Partner.
Die Politik.
Oder eben ich.
Fast automatisch beginnt die gedankliche Suche, die uns aus der Gegenwart zieht.
Doch was wäre, wenn das Leben gar nicht nach Schuld fragt?
Sondern im gegenwärtigen Augenblick Lösungen bereithält?
Sich irren gehört zum Menschsein
Kinder lernen laufen. Sie fallen, stehen wieder auf.
Niemand sagt:
„Du bist schuld, dass du hingefallen bist.“
Wir wissen: So lernt ein Kind.
Interessanterweise verlieren wir diese Freundlichkeit irgendwann.
Als Erwachsene glauben wir plötzlich, jetzt dürften wir uns nicht mehr irren.
Ist das wahr???
Vielleicht ist jeder Irrtum eine Einladung
Nicht zur Selbstverurteilung.
Sondern zum Hinschauen.
Was habe ich übersehen?
Was habe ich noch nicht erkannt?
Was möchte das Leben mich gerade lehren?
Das ist eine ganz andere Bewegung.
Sie macht weich.
Nicht hart.
Was wäre, wenn …
… wir unsere Kinder weniger fragen würden:
„Wer war schuld?“
und öfter:
„Was genau ist passiert? Wie siehst du die Situation? Wie willst du damit umgehen? “
Ich frage mich, wie viele Konflikte dadurch leichter würden.
Nicht nur auf Spielplätzen.
Auch in Partnerschaften.
In Familien.
Am Arbeitsplatz.
Und vielleicht sogar in uns selbst.
Vielleicht braucht das Leben gar keine Schuld
Vielleicht braucht es nur Menschen, die bereit sind,
hinzuschauen, zu lernen, sich zu irren, neu zu beginnen.
Immer wieder.
Wer braucht überhaupt Schuld, wenn Lernen möglich ist?