Wer sitzt eigentlich am Steuer?

Ich fahre nicht mehr besonders oft Auto.

Unser Tiguan ist inzwischen acht Jahre alt, Automatik – und trotzdem fühlt er sich für mich manchmal noch ein bisschen wie ein fremdes Auto an.

Früher bin ich viel mit meinem kleinen Ford KA gefahren. Der war mein Auto. Ich kannte ihn. Ich wusste, wie er reagiert, wie er sich anfühlt, wo er aufhört und wo er anfängt.

Heute fahre ich meistens nur, wenn Michael nicht dabei ist.

Das klingt vielleicht ein bisschen eigenartig. Ist es auch.

Denn Michael war 40 Jahre Verkehrspolizist. Er hat unendlich viel mehr Fahrerfahrung als ich, einen Orientierungssinn, um den ich ihn manchmal beneide, und natürlich sieht er Dinge im Straßenverkehr, die ich gar nicht wahrnehme.

Und wenn wir gemeinsam unterwegs sind und ich fahre, passiert etwas Merkwürdiges.

Michael wird zum Lehrer.

Und ich werde zum Kind.

„Da vorne musst du …“

„Schau, jetzt …“

„Du bist schon zu weit …“

Und in mir geht sofort etwas zu:

Oh Gott. Mache ich es richtig?

Plötzlich bin ich nicht mehr die erwachsene Frau, die seit Jahrzehnten Auto fährt.

Ich bin wieder die Kleine, die aufpassen muss, damit der Lehrer zufrieden ist.

Dabei weiß ich natürlich: Michael meint es nicht böse. Er weiß einfach viel. Und er sitzt daneben und sieht manches früher als ich.

Nur: Mein Körper kennt diese Dynamik.

Und ehe ich mich versehe, sitze ich nicht mehr nur im Auto.

Ich sitze in einer alten Rolle.

Wer sitzt eigentlich am Steuer?

Vielleicht kennen wir das alle.

Bei einem Menschen, der etwas besonders gut kann, werden wir plötzlich unsicher.

Jemand ist schneller als wir.
Orientierter.
Erfahrener.
Selbstbewusster.

Und schon beginnen wir, uns selbst ein bisschen weniger zuzutrauen.

Das kann der Partner sein. Die Mutter. Ein Kollege. Eine Freundin.

Und plötzlich sind wir wieder zehn.

Interessant ist: Ich muss dafür gar nicht glauben, dass ich tatsächlich weniger kann.

Es reicht, dass sich mein Gefühl von mir selbst verändert.

Bei mir kommt noch etwas dazu: Ich habe von Geburt an kein richtiges räumliches Sehen, weil ein Auge schwachsichtig ist.

Das bedeutet: Ich muss beim Autofahren tatsächlich etwas anders machen. Ich brauche manchmal mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit, mehr Orientierung.

Das ist eine Tatsache.

Aber daraus muss keine Geschichte werden wie:

„Ich kann das nicht.“

Es kann auch einfach heißen:

„Ich fahre auf meine Art.“

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Unsicherheit und innerer Sicherheit.

Innere Sicherheit bedeutet nicht:

Ich kann alles.

Sondern vielleicht:

Ich kann mit dem umgehen, was gerade da ist.

Und was passiert, wenn ich es bemerke?

Vielleicht brauche ich dann gar keine große Methode.

Vielleicht reicht zunächst ein inneres:

Ah. Da ist sie wieder, die Kleine.

Und ein Lächeln.

Nicht gegen sie.

Nicht weg mit ihr.

Einfach: Ich sehe dich.

Und dann erinnere ich mich:

Ich bin erwachsen.
Ich sitze am Steuer.
Ich darf langsam fahren.
Ich darf mich orientieren.
Ich darf etwas nicht wissen.
Und ich darf es auf meine Weise machen.

Auch wenn Michael daneben sitzt.

Vielleicht geht es gar nicht darum, dass er aufhört, der erfahrenere Autofahrer zu sein.

Vielleicht geht es darum, dass ich neben ihm groß bleiben darf.

Und manchmal heißt das ganz praktisch:

„Michael, danke. Ich möchte es jetzt selbst herausfinden.“

Ein Satz, der sich zunächst ungewohnt anfühlt.

Aber vielleicht ist genau das der Moment, in dem ich wieder auf meinem Platz sitze.

Nicht auf dem Beifahrersitz meines Lebens.

Sondern am Steuer.

Und dann fahre ich los.

Nicht perfekt.

Nicht besonders mutig.

Einfach los.

Und vielleicht ist das schon KRAFT VOLL LEBEN.

Wer sitzt eigentlich am Steuer